Räume betreten …

Der offene Raum ist ein Kooperationsprojekt von Marion Dammers und Freunden.

In diesem Blog bieten wir Gedanken, Konzepte und Austausch zu den Inhalten unserer Seminare an. Darüber hinaus werden diese Bereiche auch in der Einzelarbeit thematisiert.  Informationen dazu unter mariondammers.de.

Im Mittelpunkt steht das Angebot zur Rehabilitierung von Beziehungen und Beziehungsfähigkeit, sodass diese in voller Kraft eingegangen, wieder aufgenommen, geheilt und entwickelt werden können. Was sich darum rankt, als “flankierende Maßnahmen” sind Selbsterfahrung, Selbsterforschung und Persönlichkeitsentwicklung, doch haben sie einen geringeren Selbstzweck, sie sind vielmehr auf das “Du und Wir” ausgrichtet, als auf das “Ich”.

In aller Einfachheit: der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen.

Mann will Frau. Frau will Mann. Kinder wollen Geschwister … Gleichgeschlechtliche Liebe, platonische Liebe, Polyamorie, serielle Monogamie, Familie, Patchwork …  Singles mit Freundeskreis … was ist das Gemeinsame dieser Vielfalt: der Mensch braucht den Menschen.

“Du bist die Welt”. Wir erschaffen uns und unsere Beziehungen neu. Sind wir glücklich mit den gegenwärtigen Situationen?

Alleinsein können und Individuation sind für gewisse Zeiten sehr notwendig, doch haben wir erkannt, dass sie bei uns eine Ausweitung erfahren, die nicht mehr als gesund anzusehen ist. Wir bieten effektive Werkzeuge, im Sinne lösungsorientierter Kurztherapie, um aus der Isolation heraus wieder in erfüllende, andauernde Beziehung zu finden, wo dies möglich ist (in manchen Fällen ist trotzdem Alleinsein das Richtige) und ersehnt wird.

Wie funktioniert´s?

Für die Praktiker, die kein Interesse an langen Erörterungen haben, hier die Zusammenfassung: Wir untersuchen Dein Inneres, ob es Blockierungen, fixierte Haltungen und Glaubenssätze („ich bin es nicht wert, ich habe es nicht verdient, es hat bei uns in der Familie nie geklappt“ u.s.w.) oder Verstrickungen im Herkunftssystem gibt. Diese lösen wir auf durch Bewusstwerdung und Erleben („durchfühlen“). Dadurch entsteht ein leerer Raum, in den Perspektiven, Ziele und vor allem die nötige Kraft und Überzeugtheit eintreten können, diese zu erreichen. Die meist mehrstündigen Einzelsitzungen finden in Abständen von mehreren Wochen statt, sodass es in der Zwischenzeit genug Möglichkeit gibt, die neuen Haltungen auszuprobieren und somit eine Umsetzung des Erarbeiteten zu erreichen. In dieser Zeit kann es einen schriftlichen Austausch per E-Mail geben. Die Sitzungen selbst sind körperorientiert und gefühlsintensiv. Die Gruppen dienen der Erweiterung. Man erfährt hierbei mehr „input“, weniger Schutz. Beides hat seine unterschiedlichen Vorteile.

Nun zur weiteren Theorie:

Allem vorweg möchten wir uns verbissenen Kämpfen um richtig oder falsch entziehen, indem wir im Zweifelsfall die Position einnehmen “es gibt keine Wahrheit”. Dass diese Position als Fixierung auch wieder absolut wäre und man ihr entgegnen kann: “dass es keine Wahrheit gibt, ist die Wahrheit der Konstruktivisten”, ist klar.  Was bleibt?

Wir interpretieren und denken pausenlos. Wertfreiheit ist ein meditativer Zustand, eine Gnade, Auszeit vom Terror des Verstandes. Sollen wir uns quälen mit inneren Kämpfen gegen ihn? Eine gute Möglichkeit scheint zu sein, Meinungen “in der Schwebe” zu lassen (Bohm, Dialog). Jeder kann die Konzepte selbst überprüfen. Endlose Diskussionen, was zum Beispiel der Begriff “systemisch” beinhalten soll und darf, oder ob man sich dem Lager der Hellinger-Hasser oder Hellinger-Anbeter zuordnet, möchten wir nicht führen. Theoriebildung ist wichtig, doch wir arbeiten in erster Linie praktisch und suchen nach schlichten Theorien, die jeder versteht. Manchmal versteigt man sich trotzdem in die geistigen Welten. Möglicherweise schreiben wir einigen Mist. Deshalb der klare Hinweis: alles Gesagte und  Geschriebene sind Arbeitshypothesen, keine Wahrheiten. Ernstzunehmender Widerspruch (der nicht von purer Lust/Sucht an Kampf und Gegenrede motiviert ist), Korrektur und Änderungsvorschläge sind jederzeit willkommen.

Wir öffnen den Raum für eine Sache, die uns im Laufe unserer Erfahrung  immer wichtiger wurde. Im Unterschied zu unserem gewohnten Denken, Situationen als schlecht zu werten, wollen wir wertschätzen was ist und uns dort sein lassen, ehe wir Veränderungen ins Auge fassen. Ausgangsposition ist also eine Haltung, die davon ausgeht, dass alles so seine Richtigkeit hat, wir dies nur erst erkennen und verstehen müssen. Ist die bestehende Situation erkannt und gewürdigt, öffnen sich Türen. Wir holen einander da ab, wo wir sind. Wir wollen weniger bessere Menschen oder Bedingungen schaffen, sondern vielmehr dem Potenzial in jedem von uns den Weg bereiten. Diese feine Unterscheidung spielt bei Veränderung eine große Rolle.
Das Schöpferische entfaltet sich nach der Anerkennung des Status Quo. Dann durch die mutige absichtslose Begegnung mit uns selbst, dem anderen, unseren Inhalten. Unseren Grenzen und Offenheiten. Es soll Freude schenken, es soll Spaß machen. Leben ist eine aufregende Reise.
Kreativen Impulsen folgen, Lebendigkeit spüren, erfahren mit allen Sinnen, mit jeder Zelle. Das soll der offene Raum uns bieten.
Unsere Moderation und Methodik ergibt sich aus dem Geschehen und entsprechend den Bedürfnissen der Teilnehmer, wir wollen kein vorgefertigtes Konzept.
Dieser Raum, der unsere schöpferischen Kräfte offenbart, erfordert große Präsenz. Auch Mut und Ausdauer. Auch die Geduld, schwierige zähe Momente liebevoll mit sich selbst und anderen durchzustehen.
Das ist der Grund, weshalb wir Dir nicht genau sagen können, was Dich erwartet. Weshalb Konzepte, Moderation und  Programm eine sekundäre Rolle spielen; auch unsere Leitung.
Es ist beeindruckend, was geschehen kann, wenn die Fixierung auf ein Leittier, einen Lehrer, Therapeuten,  Animateur, einen Guru oder sonstiges weg fällt, und der Mensch sich auf sein ureigenes Potenzial besinnt. Wir wagen uns in einen leeren Raum von nicht wissen, nicht wollen …wir lauschen und warten, was sich uns zeigen will: ein Aufstellungsanliegen, eine emotionale Arbeit, eine Runde, etwas Körperorientiertes, ein spontanes Rollenspiel oder ein Ritual, Tanz,  genussvolle Massage … Stille …
Wir befassen uns auch intensiv mit dem Thema Sexualität und Begehren, da sexuelle Energie die grundlegende treibende Kraft unseres Lebens ist und hier unsere angelernten Verhaltensmuster oft am stärksten zur Geltung kommen.
Das heißt nicht, wir leben etwas wild aus. Es bedeutet, wir holen das Thema ans Licht, ohne es mechanisch und süchtig zu befriedigen. Ohne Schwülstigkeit, ohne wahlloses Ausagieren, aber mit allen Sinnen.„Spiritualität beginnt im Becken“ (Samuel Widmer) drückt aus, wie sehr die sexuelle Energie in allem Lebendigem wirkt. Und wie sehr eine unerlöste Triebkraft uns am Fortschritt hemmt. Tiefe erfüllende Intimität ist, wonach sich die meisten Menschen verzehren und nicht mehr wissen, wie sie dazu kommen können. Inwieweit Liebe, Sexualität und alle anderen Gefühle miteinander verbunden sind und einander bedingen, können wir in einem geschützten Rahmen erforschen. “Geschützter Raum” heißt in diesem Zusammenhang, dass wir spielerisch unsere Grenzen erforschen, gleichzeitig lernen, Grenzen zu setzen und dass die Gruppe diese gesetzten Grenzen bereitwillig akzeptiert. Somit ist ein Seminar auch eine Schulung in Selbstwertschätzung und Selbstbehauptung gegenüber – vermeintlichen – Erwartungen anderer an uns.

Tantra in diesem Sinne ist bewusstes Wahrnehmen, kein Ausagieren.

Wir werden auch dem Kind in uns Raum geben, indem wir durch Spiele und Spaß miteinander in Kontakt kommen und auch immer wieder leichte Elemente einfließen lassen, die ihre eigene heilende Wirkung entfalten, indem sie die Seele durchatmen lassen. Spiel und Spaß ergeben sich aus einem lebendigen Miteinander, wo nichts versteckt oder verleugnet werden muss.

Raum schaffen.

Die Wände aus Denken und Wissen engen uns ein je länger wir leben, je mehr Erfahrungen wir ansammeln. Doch sie sind wohl auch schon vorhanden, wenn wir mit Leben beginnen. Denn wir “erben” Information, die in unseren Zellen gespeichert sind, die  sich über morphische Felder ausbreiten, über Meme weiter gegeben werden … oder wie auch immer neueste Thesen dies erklären wollen, was uns noch immer als Mysterium erscheint: unsere Prägungen.

Was davon ist notwendig, weil stabilisierend und konstruktiv, was lässt uns immer gleiche Leidensgeschichten wiederholen und schränkt uns ein?

Um diese Unterscheidung muss es gehen, wenn wir mit Glaubenssätzen arbeiten, wie es zum Beispiel in The Work von Byron Katie geschieht oder in den vielen anderen Methoden (Systemische Therapie, Radikale Vergebung, SEP, NLP, Einstellungsarbeit beim Bonding … um einige zu nennen), die zumindest in wesentlichen Teilen mit Überzeugungen bewusst arbeiten.

Es geht also bei dieser Therapie um eine Veränderung von hinderlichen Glaubenssätzen, die natürlich nicht per se negativ sind, sondern nur in ihrer übermächtigen Einseitigkeit. Sie sollen weniger beseitigt als ergänzt werden um die jeweils „andere Seite der Münze“. Beispiele: Das Leben ist ein Kampf – Leben kann friedlich sein. Männer sind rational – Männer sind gefühlvoll. Ich bin verschlossen – ich bin offen. Männer und Frauen sind von verschiedenen Planeten – Männer und Frauen sind Menschen und darin gleich.

Wird dieses Ergänzen lange und gründlich betrieben, gelangt die Person allmählich in einen Zustand größerer Offenheit: die eigene Identität wird weiter und  flexibler, das Spektrum umfassender, die Welt wird als vielseitig bereichernd erlebt, weniger bedrohlich. Fixe „Wahrheiten“ werden mehr und mehr als das erkannt, was sie in Wirklichkeit sind: Gewalt und Einschränkung.

Natürlich finden wir solche Übungen in vielen Therapien und auch den spirituellen Techniken wieder, die „wissen, dass wir nichts wissen“, und auf eine Befreiung vom Verstand abzielen. Damit sollte aber nicht gemeint sein, den Verstand oder „mind“ total abzuwerten, gar zu vernichten, sondern ihm vielmehr die richtige Position zuzuweisen: nicht den Thron des tyrannischen Herrschers, doch die eines kompetenten Dieners.

Eine hierbei nützliche Unterscheidung findet man im Konzept von Ramesh Balsekar: „working mind“ und „thinking mind“. Der Erstgenannte dient den praktischen Unternehmungen, der Zweite tyrannisiert uns ohne Unterlass und hält sich für wissend und mächtig (“ich habe Kontrolle”).

Doch ob man nun viel oder wenig denkt, Erfahrungswissen nimmt im Leben zu. Man weiß immer öfter, was kommen wird, nämlich das, was man schon immer erlebt hat. Und kurze Ausflüge in ein Positivdenken, das über negative Erwartungen lediglich vermeintlich gute legt oder die jüngst in einem Workshop an trainierten Affirmationen, führen in den meisten Fällen bald zu noch mehr Enttäuschung. Denn was hat sich erneut manifestiert: das Jahrhunderte alte Erfahrungswissen, welches bestenfalls halb bewusst, weitaus öfter gänzlich unbewusst durch die Ozeane unserer Zellen und Blutbahnen fließt, das wir einander nonverbal zuflüstern und einatmen, wo immer wir gehen oder stehen.

Dass es so nicht funktioniert, wissen inzwischen wohl die meisten von uns. Also vergebens? Sind wir unseren Genen und Memen, unseren Prägungen und Konditionierungen ewig und vollständig ausgeliefert?

Nein, es gibt Bewusstsein.

Und auch wenn wir aus verständlicher Bequemlichkeit gern Bekanntes endlos wiederkäuen – irgendwann wird es dann doch zu schal und wir fragen nach Neuem. Etwas in uns fragt – in Form von brennender Sehnsucht und Unzufriedenheit.

Wie also lässt sich Neues erschaffen?

Lässt es sich erschaffen auf einer Basis von Ablehnung, wie wir das gewohnheitsmäßig gerne tun? „Ich will das weg haben, ich hasse das an mir, in meinem Leben“, solche Einstellung ist der Erfahrung nach wenig hilfreich. Zuerst einmal entwickeln wir also Wertschätzung. Radikale Wertschätzung (diesen Begriff ziehe ich dem der Radikalen Vergebung vor, denn wenn alles richtig und nach einem göttlichen Plan läuft, wer sollte dann wem etwas vergeben oder verzeihen?) Wertschätzung ist eine Form von Dankbarkeit. Für diese Dimension müssen die meisten von uns erst einmal ein grundlegendes Umdenken zulassen, denn wir sind es so sehr gewöhnt in Kategorien von gut-schlecht, Opfer-Täter, Gewinner-Verlierer usw. zu denken.

Die Dimension eines „alles richtig“ ist für den Verstand einfach nicht zu begreifen. Er braucht die Unterscheidung, das „andere“.

Wir beginnen also unsere Entwicklung mit einer Analyse der Situation. Etwas geschieht da, das ich als nicht mehr befriedigend oder sogar schmerzhaft erlebe, und ich möchte daraus etwas Neues entwickeln. Wie also stelle ich das an? Indem ich sage, bis hierher war alles schlecht, ist mir Ungerechtigkeit widerfahren? Nein, indem ich verstehe (erkenne und fühle!), dass alles und jeder im Leben immer und überall das Beste versucht. Jeder Mensch handelt so gut er es kann und tut, was er in der jeweiligen Situation, gemäß seinen Konditionierungen, für das Beste hält. Wir sind nicht vollkommen … und es geschehen scheinbare Fehler. Wer genau hinsieht, wird hier niemanden finden, der schuldig ist. Die Handlungen haben Konsequenzen, aber es gibt keine moralische Schuld. Wer seine Kinder schlägt wurde selber geschlagen … was wir darüber denken und urteilen ist in der Regel völlig unvollständig. Was wir  als “Wissen” mit uns herum tragen sind meist mehr Geschichten, Interpretationen, Vorurteile. Lehrreich ist hier, immer mal wieder in ungeliebten Stellvertreterpostionen in  Aufstellungen zu stehen, weil  man dabei Postionen und Perspektiven “von innen” erfährt, die einem oft von außen nicht versteh- und tolerierbar waren.

Die Systemische Therapie impliziert ein Umdenken zur Allparteilichkeit, einige Methoden sprechen von Neutralität, spirituelle Richtungen vertreten ein „alles ist von Gott und somit gut“ … gesagt wird damit letztlich Dasselbe. Wir können dies bisher offenbar schwerlich andauernd, im täglichen Leben praktizieren, doch wir können es als eine forschende Arbeitshaltung kultivieren. Gerade dann, wenn mir jemand oder eine Situation sehr gegen den Strich geht, kann ich fragen, was zeigt es mir, für was steht diese Person und vor allem: für was sorgt sie? was ist ihre Aufgabe im System?

Die wesentliche Frage zu Beginn eines Coachings oder eines Selbsttrainings lautet also nicht „was ist falsch gelaufen?“, sondern „was möchte ich entwickeln?“. Im systemischen Vorgehen werden Situationen zum Beispiel mit „zirkulären Fragen“ untersucht: wie sieht dein Partner die Situation, die Eltern, der Arbeitgeber? Wie würden sie auf die gewünschte Änderung reagieren? Und so zeigt sich schnell, wie sehr alle Beteiligten bemüht und engagiert sind, gefangen oder angetrieben von einer Situation, die sie bewältigen möchten. Niemand ist absichtlich und ausschließlich destruktiv. Jeder folgt seinen Glaubenssätzen.

Eine Möglichkeit das Vorhandene, also die einzelnen Überzeugungen zu hinterfragen und zu erforschen auf ihren Wahrheitsgehalt, ist die simple Frage: „stimmt das?“ aus The Work. „Kannst du wirklich wissen, dass das wahr ist?“ Alles wird hinterfragt, nichts wird mehr selbstverständlich geglaubt. Und wohin führt das? In einen Freiraum. DEN Freiraum. Hier liegt der entscheidende Unterschied zum Positiv Denken: der Raum, der entstanden ist, wird nicht sogleich mit persönlichem Wünschen und Wollen gefüllt, sondern auch diese Vorstellungen werden zuerst einmal in Frage gestellt: „Ich brauche einen neuen Job, ich will gesund werden, ich möchte eine Beziehung, ich muss mich entscheiden … dies wäre das Beste, das wäre das Beste …“  – Kannst du wirklich wissen, dass das wahr ist?

Hierbei geht es um einen Verzicht. Einen sehr wesentlichen Verzicht. Denn der bezieht sich auf jegliches Wissen und Rechthaben. Wir öffnen uns für eine Weisheit, die über unsere persönliche weit hinaus geht. „Der Mensch denkt, Gott lenkt“ oder „nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ … solche Sätze werden oft gesagt, doch sind genau so oft nur ein Lippenbekenntnis. Werden wir tatsächlich gefordert durch Krankheit, Verlust oder harte Prüfung stehen Hader und Zweifel schnell wieder parat. Doch gerade in diesen Zeiten können wir hinsehen und das große Potenzial entdecken, das eine Situation für uns bereit hält wie ein Geschenk.

Doch zuerst gestehen wir unsere Unwissenheit ein. Denn was für Pläne sollten entstehen aus einem Denken heraus, das völlig konditioniert ist, immer von Filtern überzogen. Was für eine Wahrnehmung ist uns möglich? Wieviel freier Raum? … und wie groß ist unsere Bereitschaft für Wachstum und Veränderung, um uns in diese Räume zu begeben, die offen sind: unsicher, doch verheißungsvoll  … und denen wir uns nur rezeptiv und wertschätzend nähern können.

Leerer Raum - Noch immer unerfüllt?

Der Markt hat viel zu bieten: auch Therapie, Persönlichkeitsentwicklung und spirituelle Suche können zur Sucht ausarten. Konsum und Kapitalismus aufs geistig-psychische ausgeweitet. Es ist nie genug. Doch Einige, die schon lange auf diesen Wegen unterwegs sind, beschleicht eine Müdigkeit beim Hinblick darauf, dass all dies nicht wirklich die ersehnte Erfüllung gebracht hat. Und die Neulinge trauen sich erst gar nicht mehr irgendwo einzusteigen, weil die Informationsflut, die widersprüchlichen Angebote und Aufforderungen nicht zu verstehen sind. Während die traditionellen Disziplinen wie beispielsweise Physik, Chemie und Biologie beginnen, sich darüber klar zu werden, wie wichtig eine Vereinheitlichung ist, sind die alternativen Bewegungen noch immer dabei sich zu unterscheiden, voneinander abzugrenzen, zu spalten, in immer neue und kleinere Fragmente. Bereits vorhandene Techniken mit neuen Namen versehend, um diese dann als neue Methoden zu vermarkten. Neu ist daran wenig und wenn wir etwas wirklich benötigen, dann eine integrale Ausrichtung, die diese Dinge wieder zusammenführt und vereinfacht. Nicht umsonst gibt es eine „Simplify-your-life-Bewegung“.

Unser Anliegen ist es deshalb, aus den vielen verschiedenen und sich auch überschneidenden Angeboten heraus zu filtern, was wirklich nützlich ist. Ein großer Nachteil der unterschiedlichen Schulen ist ihr Mangel an Integration komplementärer Verfahren.

Beziehungsräume

Das unausweichliche Begehren

Wir sind auf der Suche. In mittleren Jahren unverändert wie schon damals in der Pubertät. Wir haben viel erlebt, versucht und verworfen. Individualität stand hoch im Kurs und mittlerweile sind wir so individuell, so besonders und eigen, dass kein Mensch mehr zu uns zu passen scheint. Dumm gelaufen ….

Die Sehnsucht nach dem Du hat nur leider nicht nachgelassen, sonst wären wir wohl ganz glücklich mit unserer strahlenden Herrlichkeit – allein. Doch die Sehnsucht bleibt. Glühend, verzehrend, uns in Süchte treibend, in Ablenkungen, vor keiner Peinlichkeit zurück schreckend, uns in immer neue Abenteuer führend, immer neu die Komfortzone verlassend.

Was wird gesucht? Was entzieht sich uns so hartnäckig und ist mit nichts anderem zufrieden zu stellen?

Kannst du dich an deine große(n) Liebe(n) erinnern? Und daran, wie unantastbar sie geblieben ist, in deiner Erinnerung, deinem Wissen um ihre Großartigkeit? Und wie du sie verraten hast, übergangen oder verbraucht. Was zeichnete diesen geliebten Menschen aus? In der Regel lautet die Antwort auf diese Frage: ich weiß es nicht. Diese Person hatte natürlich alle möglichen positiven Merkmale, doch ich kann davon nichts festmachen, dass es diese Liebe begründen würde. Diese Liebe war einfach da: grundlos.

In einem tantrischen Seminar erzählte der Leiter einmal von seinen Erfahrungen, dass die meisten Menschen aufgrund von Selbstunsicherheit fast nie zu den Partnern ihrer ersten Wahl gehen, sondern zu denen, die auf Platz zwei, drei oder sogar vier bei ihnen rangieren, weil bei denen die Gefahr der Verletzung nicht so groß ist.

Was kommt bei einem solchen Vorgehen heraus? Die Antworten darauf kennt jeder selber.

Was bedeutet erste Wahl? Inzwischen gibt es Forschungen und Erkenntnisse darüber genug, was in den ersten Sekunden einer Begegnung passiert und es gibt Anlass anzunehmen, dass in dieser kurzen Zeit bereits alles „gewusst“ wird. Diese „ersten“ Sekunden können auch später vorkommen, wenn sich eine Bekanntschaft plötzlich von Neutralität zu Liebe hin (Verliebtheit) wandelt. Es werden jedoch immer gleich diese besonderen Momente erlebt, die wir ein Leben lang in Erinnerung behalten und die geprägt sind von Zeitlosigkeit, „Flow“, von tiefer Erfüllung, Zufriedenheit und einem Gefühl des Angekommenseins.

In unserer Kultur sind diese Zustände nicht sehr angesehen. Obwohl wir sie wie nichts anderes ersehnen, lehnen wir sie gleichermaßen ab. Einerseits bagatellisiert, andererseits verherrlicht. Weil sie als nutzlos gelten. Wir verlieben uns oft in Menschen, die unser Leben durcheinander bringen, die uns aufrütteln, die nicht passen, nicht einschätzbar sind und bei denen wir nicht wissen, wie und ob wir unsere (vernünftigen) Pläne mit ihnen verwirklichen können. Dieses Begehren und diese Liebe fordern uns heraus, alte gewohnte Plätze zu verlassen, und das mögen wir alle nicht. Es scheint uns wenig kalkulierbaren Gewinn und viel Gefahr zu bringen. So wenden wir uns lieber den weniger begehrenswerten Partnern zu und lassen den Verstand entscheidend mitreden bei der Auswahl. Dann funktioniert erst mal alles wie vorgesehen: Job, Haus, Auto, Garten, Kinder, Hund … Depression – es bleibt eine Leere. Etwas fängt also wieder an zu suchen. Was nur, was war das doch gleich? Ein Kitzeln, ein Kribbeln, eine Gefahr, etwas Unbekanntes. Die erste Wahl beinhaltete all das, doch wir haben sie ignoriert zugunsten der Sicherheiten. Nun haben wir die Sicherheiten und sehnen uns.

Das kostbare, tiefe, unausweichliche und vor allem anhaltende Begehren ist ein ganzheitliches. Kein oberflächliches, bruchstückhaftes, bei dem ich den Körper, den Geist oder die Seele eines Menschen begehre, sondern ich begehre diese Person ganz und gar. Trotz aller Unvollkommenheiten, die ich früher oder später auch erkenne, bleibt diese Liebe, diese Bewunderung und Anziehung bestehen. Kehrt immer wieder und sprießt oft unversehrt aus dem Scherbenhaufen einer gescheiterten Begegnung neu hervor, sobald sich zwei solch Liebende wieder über den Weg laufen. Dieses Begehren ist die Grundlage, alles andere ist ein „Bauen auf Sand“. Wir brauchen also kein Bunjee-Jumping, keine Erleuchtunstrips, keinen Designer-Luxus und kein Überlebenstraining im Dschungel – wenn wir uns bei klarem Geist diesem Begehren ausliefern, ist Intensität garantiert. Wenn wir in Beziehung mit diesem Menschen ein gemeinsames Ziel finden („ein Paar braucht etwas gemeinsames Drittes”, Hellinger), die Beziehung weiterhin in den Dienst der Wahrheit stellen (Om C. Parkin) und in dieser intensiven Begegnung auch noch lernen, allein zu stehen – lässt Erfüllung nicht mehr auf sich warten. Die Fülle ist da.

Wann werden wir also das Begehren erkennen und wertschätzen als das, was es ist: der ursprünglichste, primitivste, animalischste Ausdruck von Liebe. Und ein tief inspirierender! Das ist es, was uns fehlt und was wir geopfert haben. Wenn es etwas zurück zu erobern gibt, dann das. Gehe zu dem Menschen, der deine Sinne betört, der dich mit einem Blick in Grund und Boden versenken kann, der dich zum schwitzen, zittern, träumen und schwärmen bringt und sage (oder spüre nur): ich begehre dich. Und im selben Moment wirst du all deine verloren geglaubte Lebensenergie neu spüren, es wird aus dir sprudeln und du wirst getragen von einer Welle der Kraft. Wenn du es jemals wagst.

Allein stehen.

Um diesem Menschen zu begegnen, dieser Kraft des Begehrens standhalten zu können, muss ich spätestens parallel meine Fähigkeiten zum Alleinstehen kultivieren. Es gibt zwei Arten von Abhängigkeit oder Bindung. Die eine ist blind und vollständig, wie beim Kind gegenüber seinen Bezugspersonen. Das Gebundensein des reifen Erwachsenen hingegen ist eine freie Entscheidung. Er oder sie kann zur Not auch darauf verzichten und kommt alleine zurecht. Sehr oft sind diese Ebenen bei uns vermischt, die Grenzen verschwommen und wir haben die Aufgabe hier eine Klärung herbei zu führen. Wo bin ich aufgrund Vernachlässigung in der Kindheit in meinen Bedürfnissen kindlich, wo bin ich reife Erwachsene mit dem Wunsch nach einer wachstumsorientierten Beziehung? Häufig ist es ein schmerzhafter aber unverzichtbarer Prozess, bis genügend Autonomie erlangt wird. In einer dieser schwierigen Phasen fand ich eine Beschreibung in einem Buch von Samuel Widmer, die nicht treffender hätte sein können:

„ … ein Weg in ein noch größeres Alleinsein … erkannte ich immer deutlicher die Einsamkeit als das Symptom das uns quält, wenn wir das Alleinsein meiden wollen. … das ungeheuerliche Allein-gelassen-Sein in der Welt konditionierter Menschen … mich dem zu stellen. … führte zu einer schlichten Wahrnehmung der Tatsache, dass da einfach niemand ist, der versteht, niemand, der interessiert ist, dass wir mit der Wahrheit alleine sind und dass da keine Hoffnung ist auf eine Veränderung. Die Liebe blüht nicht in der Welt, ein simples Faktum, das ich heute sehen kann, ohne dabei düster zu sein. Eine nüchterne Feststellung wie:  es hat keine Eier mehr in der Küche. Heitere Gelassenheit ist das Ergebnis einer reaktionslosen Schau. Die heitere Gelassenheit, von der schon die Zen-Meister sagten, dass sie sich erst einstellen kann, wenn wir den Zustand der Menschheit als hoffnungslos erkannt und akzeptiert haben. Aber es stellt doch große Anforderungen an die innere Integrität, mit ihr (dieser Wahrheit) so ganz alleine zu stehen. Aber es ist auch schön, an diesen inneren Ort heimzukommen, wo wir die Tatsachen einfach als Tatsachen sehen können, ohne dass da noch eine Reaktion davon weg oder darauf zu wäre. Wo es einfach leer wird in uns, in Bezug auf das, was ist. Wo nicht einmal mehr Freude darüber herrscht, dass diese Einsicht gewonnen ist, sondern einfach nichts, inneres Schweigen. Und aus diesem Alleinsein, dieser Leere entwickelte sich immer mehr eine Glückseligkeit, die völlig unabhängig ist von den Umständen. Ein Glück, das in aller Not und allem Chaos seinen Platz findet … aller Stress, alles Suchen fand ein Ende.“

Präsenz in der Beziehung.

Was macht eigentlich die wunderbare Zeit des Verliebtseins aus, wenn wir von Begehren und Bewunderung völlig absorbiert sind und durch die Tage gleiten wie durch einen wundersamen, schöpferischen Traum? Es sind Präsenz und Selbstvergessenheit. Wir sind hundertprozentig anwesend, in keinem Moment schweifen wir ab, wollen nicht woanders sein oder anderes erleben. Wir sind vollkommen gegenwärtig zu Füßen dieses geliebten Menschen, in Andacht versunken, aufmerksam lauschend, ohne irgendeinen Rückhalt  oder ein Kalkül in unserem Innern. Denken ist verlangsamt, aufs Wesentliche beschränkt. Das sind die Zeiten, wo der Andere göttlich erscheint und wir am Ziel all unserer Wünsche angelangt sind – bis der Traum zerplatzt. War es nur ein Traum? Oder war es der Hinweis auf eine andere Art zu leben? Was ist es, das wir so lieben, so ersehen, das in allen intensiven Momenten des Lebens uns zutiefst erfüllt? Vollkommenheit. Vollkommenheit sehen und spüren, Vollkommenheit sein. Könnten wir derart verliebt auf uns und die Welt blicken, wäre dieser Zustand allgegenwärtig. Es wäre das Paradies. Was tun wir, um uns aus diesem Zustand hinaus zu befördern? Wie vertreiben wir uns selbst aus dem Paradies? Wir trennen uns von der Schöpfung. Wir spalten uns ab indem wir die Haltung eines wertenden Beobachters einnehmen, der jeden Moment darüber abwägt, ob die Situation akzeptabel ist oder nicht.  Die Verliebte betet an, der abgetrennte Verstand urteilt. Unsere Angst ist, wenn das Werten aufgegeben wird, erlahmt auch die Motivation. Das ist ein Trugschluss, denn Veränderung und Wachstum sind eher möglich, wenn das was ist, sein darf und Wertschätzung erfährt. Wieso sollten wir aufhören uns zu entwickeln, wenn wir aufhören abzuwerten, zu verurteilen und abzulehnen? Was ist so schwer an einer wertschätzenden Grundhaltung gegenüber Allem? Diese Haltung versetzt einen augenblicklich in einen friedlichen, sanft verliebten Zustand. Halte daran fest! Lass dich nicht zu Ablehnung und Verurteilung verführen, auch wenn die ganze Welt sie ohne Unterlass praktiziert. Und vor allem: Halte fest an dem vollkommenen Bild deines Partners. Das, was du in der Verliebtheit gesehen hast, ist sein/ihr Potenzial. Liebe es, verehre es, diene ihm. Bleibe ihm immer und unter allen Umständen treu. Die Präsenz droht uns immer zu verlassen, indem wir denken, phantasieren, wünschen und wollen. Wir messen die Realität an unseren Träumen und Vorstellungen, die wir für besser halten. Wir meinen, wir könnten es besser. Besser als das Leben, besser als Gott. Stimmt das? Könntest du es wirklich besser? Wozu sind wir dann hier, wenn wir schon so wunderbar, vollkommen und allwissend sind? Haben am Zustand der Welt immer nur die anderen Schuld? Weshalb bist du aus dem Paradies gefallen, aus deiner Liebe? Und wie findest du dahin zurück? Präsenz! Präsenz setzt Wertschätzung voraus. Angefangen in der Partnerschaft heißt das dafür zu sorgen, dass sich diese Achtsamkeit ausbreiten und stabilisieren kann. Im Zwiegespräch nach M.L.Moeller finden wir ein gutes Werkzeug um unsere Liebe und Präsenz ständig zu erneuern. Die Zeit während des Zwiegesprächs ist lang, die Aufmerksamkeit füreinander gibt einen Geschmack von Ewigkeit. Bei dem intensiven Kontakt über Augen, Worte und Fühlen verlieren wir den Überblick und finden uns in einem zeitlosen absichtslosen Miteinander wieder, das sanft Trennungen überwindet. Wir sind auf einer gemeinsamen Entdeckungsreise unserer unbekannten innere Welten. Bist du da draußen oder fühle ich dich in mir? Sehe ich dich oder mich? Werde ich dich jemals kennen, umfassen, begreifen? Nein, ich werde es nicht, denn du bist endlos und zeitlos wie ich auch, du bist alle Eigenschaften und keine. Du bist das Leben und niemals berechenbar. Deshalb ist unsere Liebe ewig.

Und hier noch etwas ganz Unmodernes zum Thema, das vielleicht manchen Traum von Freiheit etwas blass aussehen lässt:

Die Ehe ist das Ruhen zweier Herzen,
da ist kein Sehnen mehr und ist kein Schmerzen,
da ist kein Suchen, nein, man hat gefunden.
Man lebt und lebt, doch nimmer zählt man Stunden.
Es ist ein Leben, wie zwei Bäume leben,
die ihre Wurzeln ineinander weben,
treuinnig mit den Zweigen sich umfassen;
kommt auch ein Sturm, keins kann vom andern lassen.

Derselbe Tau trifft sie, derselbe Regen,
was einem wohltut, bringt dem andern Segen.
Mag Mond, mag Sonne auf sie niederschauen,
sie steh’n vereint in kindlichem Vertrauen.
Sie harren still, was ihnen kommt von oben,
ob Freud’, ob Leid – sie sind in eins verwoben.

(Theobald Kerner)


Therapeutische Räume

Alles ist Hinbewegung – Ein praktisches Konzept zur Komplexitätsreduzierung der Aufstellungsarbeit.

Fragen, die mich lange beschäftigten, waren, ob sich die großen Aufstellungen, langwierige Genogrammarbeit u.ä. verkürzen ließen. Ob es wirklich nötig ist, so weit und detailliert in die Generationen zurück zu gehen, und wie ich die Kernproblematiken der AuftragsstellerIn fokussiert auf das Hier und Jetzt bearbeiten kann, ohne die Mehrgenerationsperspektive zu übergehen. Lassen sich die meisten relevanten Dynamiken innerhalb von Familien reduzieren auf Wesentliches, wie zum Beispiel auf die Frage, ob ein Kind seinen Eltern emotional begegnen konnte – ob also die „Hinbewegung“ gelungen ist?

(Parallel zu diesen Überlegungen beschäftigten mich die Auftritte der spirituellen Lehrerin Amma, deren öffentliche Begegnungen mit Schülern und Gästen vor allem eines beinhalten: eine innige Umarmung von ihr, wobei sie den Menschen oft Sätze ins Ohr flüstert wie etwa: „du bist meine wunderbare Tochter“, „Gott liebt dich“ oder anderes. Da ich Massenveranstaltungen scheue, konnte ich die Erfahrung selbst leider nicht machen, habe sie mir aber oft beschreiben lassen und fragte mich immer wieder, was suchen die Leute dort? Was löst es aus? Die Verwandtschaft zu bestimmten Sequenzen der Aufstellungsarbeit oder der Aussöhnungstherapie nach Prekop liegen nahe).

Die überwiegenden Eindrücke, die ich durch Erfahrungen in der Arbeit gewann, bestätigten meine Annahmen. Das Ergebnis: Ich bin verführt zu sagen „immer“, wähle aber vorsichtshalber ein gemäßigtes „fast ohne Ausnahme“… führen schwerwiegende Dynamiken wie Ausgrenzung/Vergessen/Missachten wichtiger Systemmitglieder; Tot, Krankheit, Missbrauch oder Not und sogar Krieg zur selben Kernproblematik: das Kind verliert einen Elternteil oder beide Eltern und fühlt sich in seiner seelischen oder sogar physischen Existenz bedroht. Bestenfalls zieht es sich in eine innere Emigration zurück und verlangt fortan in seinem Leben nicht mehr nach dieser Liebe, sondern gibt sich mit den allerorts angebotenen Ersatzbefriedigungen ab. Sämtliche Variationen von Störungen scheinen mir derzeit auf dieses zentrale menschliche Drama zurück führbar zu sein: wir verlieren einander und leben unser unglückliches Leben als separierte Einzelwesen. Auch in Zweierbeziehungen als Erwachsene finden die meisten heute nicht aus der Isolation heraus. Was ich in der Beratung vorfinde, sind verzweifelte Versuche, aber nicht das Erreichen bleibender Nähe, der eine anhaltende Bindungsbereitschaft zugrunde liegt. Intensive kurze Begegnungen finden zwar in erlebnisorientierten Selbsterfahrungs-Workshops statt, insbesondere in den körperorientierten und den Tantra-Seminaren, aber die Begegnungen halten der Realität nicht stand und werden aufgegeben. Bert Hellinger beschreibt die unterbrochene Hinbewegung (UH) als eine Kreisbewegung. Der Mensch geht los auf das „Objekt seiner Begierde“, doch in der Erwartung von Ablehnung und Enttäuschung bricht er diese Bewegung vor Erreichen des Zieles ab, um dann zum Ausgangspunkt zurück zu kehren, wo die Überzeugung in etwa lautet: „ich kriege es ja doch nicht“. Dies wird endlos wiederholt. Für alle Beteiligten und Betroffenen gilt: es gibt kein Ankommen, keine Erfüllung, keine kontinuierliche Erfahrung von Liebe. Die unterbrochene Hinbewegung ist somit beides: Ursache und Wirkung … von Generation zu Generation weiter gereicht, in unterschiedlichsten Variationen, doch letztlich das Gleiche.

Im Sinne von Heilung dieser Negativ-Spirale kam für mich der einfache wie bekannte (und umstrittene) Rückschluss Hellingers dazu: gleichgültig, was in einer Familie vorgefallen ist, welche Schicksale das System zerrüttet haben, das Kind (der erwachsene Klient) muss seine Eltern (das Leben) so nehmen wie sie sind! Und für die heilende Entwicklung zur ursprünglichen Liebe zurück finden. Es „muss“ die Liebe wieder fließen lassen können, sich dem Fluss hingeben, unabhängig davon, ob diese Liebe bei den Eltern ankommen kann oder nicht. Dieser bewusste Vollzug, die erwachsene Entscheidung, ist Hinwendung und Ablösung zugleich und unterscheidet die wache von der blinden Liebe. Es ist eine Entscheidung für die Liebe – ohne Bedingungen zu stellen, ohne alles schön und gerecht haben zu wollen, doch auch ohne Vergangenes und Schmerzhaftes zu bagatellisieren.

Diese Hinwendung ist die essentielle Kernbewegung der Aufstellungsarbeit und komplementären Verfahren. Und soweit in Aufstellerkreisen bekannt – doch vielleicht in ihrer Bedeutsamkeit unterschätzt?                                                                        Überflüssig und überholt scheinen unter diesem Gesichtspunkt große, weit ausholende und zeitraubende Aufstellungen, die sich über gebühr mit Problematiken von Vorfahren befassen – denn für die AuftraggeberIn bleibt als Fazit das Gleiche: sie muss durch den Schmerz, die Entbehrungen, den Mangel und die (oft berechtigten) Vorwürfe wieder zur Liebe und zur Bejahung finden. In Bezug auf die eigenen Eltern als Basis für alle Beziehungen zu anderen Menschen im Leben, die darauf aufbauen. Konsequent gedacht, ist es für sie egal, welche Konflikte vor zwei, drei oder noch mehr Generationen in der Familie gewütet haben, wenn sie eines sieht: jeder hat gelitten, jeder hat gezahlt, jeder hat sich bemüht, jeder hat verloren … manche scheinbar mehr, andere scheinbar weniger, manche Ungerechtigkeit schwebt noch im Raum … aber es gibt nur einen Vater, eine Mutter, und wer diese nicht nimmt, nimmt das Leben nicht  (Hierzu möchte ich betonen, meine Sichtweise darauf ist etwas abweichend von der Bert Hellingers. Wenn Zustimmen und Nehmen nicht möglich sind, sehe ich das weitaus öfter nicht als Versagen, Anspruchshaltung (Anmaßung) oder Widerstand von Klienten, sondern als deren angemessene Reaktion. Sie brauchten die Abwehr, um sich vor den negativen Einflüssen zu schützen; doch diese Abwehr behindert nun. Es gibt in meinen Augen keinen Grund, Klienten in solchen Prozessen zu maßregeln oder gar lächerlich zu machen. Es reichen Hinweise darauf, welche Konsequenzen das Verhalten hat. Bei der rituellen Aufstellung gehen wir bewusst auf eine andere Ebene, eine mehr allgemeine, „höhere“, universelle. Wir versuchen uns an eine überpersönliche, bedingungslose Liebe und Intelligenz anzuschließen, mit der allein tiefe Verletzungen und Vernachlässigungen ertragen und mit Sinn erfüllt werden können.).

Das definierte Ziel heißt also: den Liebesfluss rehabilitieren. Mutter, Vater, das Leben nehmen. Und die einzige Frage ist nun, wie sich Verweigerung und Ablehnung wieder in Nehmen und Zustimmen umwandeln lassen. Dies geschieht oft in Zusammenhang mit der Rehabilitation Ausgegrenzter und Benachteiligter, doch auch deren (minimalistisch gehaltene) Eingliederung ließe sich als eine Hinbewegung des Systems zu eben jenen verstehen; wenn wir Identifizierung, Nachfolgen und ähnliches als Anbindungen in Liebe sehen. Und auch wenn es um das schwierige Anerkennen und Wertschätzen von Krankheit, Niederlage, Abschied o.ä. geht, könnten wir vernünftigerweise interpretieren, dass Parallelen bestehen zu den primären Bezugspersonen und sich die gegenwärtigen Dynamiken darauf zurückführen lassen.

Wir finden „das Gleiche“ immer wieder vor. Das macht die Sache überschaubarer und einfacher, als endlose Variationen von Beziehungen und Verstrickungen durch zu spielen, von denen die meisten auch nichts anderes als Interpretationen, wenn nicht sogar ein wildes Spekulieren sind. Eine Krankheit steht bspw. für die ablehnende und abgelehnte Mutter, und wiederholt sich über die Generationen, eine Niederlage steht für eine ausgegrenzte Person etc. … auch hier: alles (unterbrochene) Hinbewegungen. Verweigerung aus Selbstschutz, wo inzwischen Zustimmung nötig und möglich wäre.

Selbst bei beruflichen Themen oder den so genannten Systemaufstellungen, die sich mit eher abstrakten Themen befassen, lassen sich Analogien zu den ursprünglichen Hinbewegungen feststellen. So verhält sich eine Klientin ihrem Chef gegenüber ebenso wie zu ihrem Vater, ein Klient zu seinem erwünschten Ziel (dauerhafte Beziehung) ambivalent, entsprechend zu seiner Mutterbeziehung u.s.w.

Insbesondere in der Einzelarbeit, aber auch in der Gruppe lassen sich also Sitzungen dahingehend gestalten und intensivieren, indem die wesentliche UH in den Blick genommen wird, statt die Marginalien oder weit zurück liegenden Ereignisse. Praktisch ist dieses Vorgehen deshalb, weil sich damit umständliches, abschweifendes und spekulatives Vorgehen erübrigt, und es effizientes Arbeiten auch in kleineren Gruppen und in der Einzelarbeit ermöglicht.

Es ergibt sich weiterhin die Überlegung, ob die Unterscheidung und Einschränkung der UH als eine rein individuelle Dynamik, wie es Bert Hellinger derzeit formulierte, nicht mehr zutreffend ist. Sondern die UH weitaus mehr Beachtung verdient und als eine individuelle und systemische Problematik angesehen werden muss, die auf alles ausstrahlt und wirkt. Die quasi die Ursache darstellt für leidvolle Verstrickungen aller Art, indem von ihr Betroffene suchend ausgreifen, kämpfen, wollen und wünschen, was nicht angemessen und erfolgreich ist, und sich dabei letztlich permanent selbst boykottieren.

Aufgrund von Zeitknappheit und Situationen, in denen mir keine größere Gruppe zur Verfügung stand, bin ich zu dem über gegangen, was allgemein als Teilaufstellungen, minimalistische Aufstellungen oder „schlanke Aufstellungen“ bekannt sein dürfte. Hierbei wird, sobald der Auftrag und das Anliegen der KlientIn erarbeitet sind, nur der Kernkonflikt aufgestellt, und zwar mit nur einer StellvertreterIn. Der folgende, streckenweise schweigsame Prozess läuft zwischen der KlientIn und der StellvertreterIn ab. In der Regel handelt es sich bei den Stellvertretern um wichtige, ausgegrenzte oder vergessene Personen oder die Eltern, aber auch abstrakte Repräsentanten wie beispielsweise „das Ziel“, „die Krankheit“ etc. Was in den dichten Prozessen der „minimalistischen Aufstellung“ vor sich geht, ist kein Diagnostizieren. Das Erforschen von Familiengeheimnissen weicht hier einer Hypothese, die besagt, dass wir all das für die Lösung nicht wissen brauchen. Wir wissen, die Lösung ist die Hinbewegung und wir gehen sie direkt an. Erst, wenn sich dies als nicht ausreichend oder möglich erweist, werden weitere Stellvertreter dazu genommen. Ist der Kernkonflikt wirklich schon ans Licht gekommen, ist das nicht nötig. Andere, teilweise größere Aufstellungen haben nicht diesen dichten rituellen Charakter und sind in meinen Augen oft eher Diagnoseverfahren (leider auch viel ausuferndes Spekulieren und dramatische Effekthascherei), um im guten Fall dadurch der Kernthematik näher zu kommen und sie dann, auf oben dargestellte Weise zu lösen. Was am Anfang eine Notlösung war, wurde aufgrund der Erfolge bald zu meiner bevorzugten Vorgehensweise.

Bericht einer Klientin, die den Prozess durchlebte:

Ich bin 32 und lebe in Scheidung. Ich hatte schon verschiedene Therapie- und Beratungserfahrungen, es hat geholfen, die Trennung zu bewältigen. Es hatte mir nicht geholfen, meine andauernden Streitereien mit meiner Mutter beizulegen. In einer Aufstellungsgruppe habe ich es einmal geschafft mich ihr (der Stellvertreterin) zu nähern, und es hat die vorwurfsvolle Haltung etwas gemindert, weil ich sehen konnte, dass meine Mutter unter ganz ähnlichen Bedingungen zu leiden hatte. Doch ich fühlte mich in meinen Gefühlen nicht ganz frei, wegen der Zuschauer, also den Leuten, die im Kreis saßen. Auch konnte ich mit den vorgesagten Sätzen nicht so viel anfangen, ich habe mich gesträubt. Durch meine eigene aber auch durch das Miterleben der anderen Aufstellungen wurde in mir ein Bedürfnis nach Befreiung wach. Ich hatte gesehen, dass diese Befreiung möglich war. Es gab Leute, die es schafften solche Sätze ehrlich zu sagen und sie fühlten sich danach offensichtlich sehr gut. Ich wollte das auch, ich wollte endlich mit meiner Mutter Frieden schließen! Dann hatte ich einen neuen Termin. Die Stellvertreterin meiner Mutter wurde von mir sofort im Raum aufgestellt und ich stellte mich selbst zu ihr in Position, so wie das in Aufstellungsgruppen gemacht wird. Wir setzten uns aber bald auf den Boden, einander etwas versetzt gegenüber und ich wiederholte noch mal zusammengefasst und kurz meine Beschwerden und Kümmernisse. Die Stellvertreterin meiner Mutter nickte dazu nur. Die Leiterin setzte dann hinter meine Mutter noch eine Frau, die sie als Urmutter vorstellte und sofort überzog das Gesicht meiner Mutter ein feines Lächeln, sie wirkte viel entspannter. Ich konnte das nicht wirklich verstehen, aber es war mir egal. Für mich sah die neu dazu gekommene Frau sehr schön und lieb aus, wie eine Oma … der Rest war mir egal. Sie sah freundlich aus und ich spürte eine starke Beklemmung in meinem Herzen und meiner Kehle. Es kam dann viel Schmerz hoch, den ich zum ersten Mal so ausdrücken konnte und sehr langsam bewegte ich mich auf dem Boden in Richtung der beiden Frauen. Als ich ankam, war ich eine zeitlang ganz ohne Gedanken. Es waren nur Schmerz und Liebe da, und ich fühlte mich eins „mit den Müttern“. Ich lag dann mit dem Kopf im Schoß und vergaß die Zeit. Es war eine gefühlte Ewigkeit. Endlich hatte ich die Geborgenheit, die Zugehörigkeit, meinen Platz gefunden.

Es hat in der Realität verändert, dass ich einfach kein Bedürfnis mehr habe, mit meiner Mutter zu streiten. Ich muss nicht mehr recht haben, ihr nichts beweisen, ihr nichts mehr vorwerfen. Und seitdem kommt sie mir auch verändert vor, sie nörgelt nicht mehr so an mir herum. Wir gehen viel liebevoller miteinander um und das wächst, es ist nicht abgeschlossen. Ich trage dieses Erleben in mir, das ist eine Kraft, die wirkt.

Bericht einer Klientin, die den selben Schritt in der Einzelarbeit vollzog:

Wir hatten in vorherigen Sitzungen abgeklärt, worum es geht und ich lud eine mir sympathische ältere Bekannte ein, wie mir die Therapeutin aufgetragen hatte. Sie setzte ich dann hinter meine Mutter, die nur durch einen Platzhalter repräsentiert wurde. Ich schloss dann die Augen, visualisierte meine Mutter an dem Platz und wiederholte in Kurzform das, was wir in vergangenen Stunden erarbeitet hatten: worunter ich in der Kindheit gelitten hatte und was mir heute noch Schwierigkeiten bereitet. Ich weinte dabei und die Therapeutin half mir immer wieder, meinen Kopf zu entspannen, ihn hängen zu lassen. Das wurde so eine leichte Bewegung, hoch und runter, ging immer tiefer mit dem Kopf, mein Körper folgte dem, bis ich ganz am Boden lag. Es war ein Kampf, mich dem hinzugeben, was mich da bewegte. Da musste ich mich dann sehr anstrengen, um die wenigen Meter zurück zu legen. Es war, als müsste ich eine Lähmung überwinden. Und ich musste auch immer wieder ein Gefühl von Peinlichkeit überwinden, darüber, wie klein ich bin, wie schutzlos, bedürftig und ohnmächtig. Das ging alles nur, weil die Therapeutin mich darin die ganze Zeit unterstützte, auch mit Berührung oder indem sie mich zum Atmen und Fühlen aufforderte. Oder sie sagte: „gib nicht auf, für die Liebe“ oder etwas in der Art. Nach einer Ewigkeit hatte ich es geschafft und es brach ein Schluchzen aus mir heraus. Dann wurden mir Sätze vor gesprochen, die empfand ich als sehr passend: „du hast mir so gefehlt, es war so schwer …“ Meine gute Bekannte (die „göttliche Mutter“) und der Platzhalter (ein Stoffstück am Boden) waren zusammen gerutscht, während ich mich darüber bewegt hatte und das passte irgendwie: Mütterlichkeit war für mich plötzlich etwas, das weit über meine leibliche Mutter, ihre Persönlichkeit, Beschränkungen und Probleme hinaus ging. Es war mehr so, als wäre ich in den Armen „der mütterlichen Kraft an sich“ gelandet. Etwas, dass ich auch viel mehr in mir selbst spüre, seitdem.

Von einem Paar:

Ich kam mit meinem Partner zu dieser Stunde, weil wir immer wiederkehrende Streitigkeiten hatten. Mit dem Zwiegespräch hatten wir schon begonnen und einige schöne neuartige Erlebnisse von Nähe und Verstehen gehabt, aber es gab da immer noch diesen einen Punkt – meine oft plötzlich auftretende Giftigkeit – woran wir arbeiten wollten. Ich stellte meinen Mann mir etwa einen Meter gegenüber und ließ mit Unterstützung der Therapeutin das Gefühl zu, das mich immer wieder in diese Giftigkeit trieb. Es war Angst. Angst, nicht gut genug zu sein und deshalb unterdrückt und klein gemacht zu werden. Wenn diese Angst aufkam, war das Giftigsein der Schutz, hinter dem ich mich verbergen konnte. Dabei wollte ich eigentlich in seine Arme und unsere Liebe leben. Ich begann zu zittern und der Körper schwankte leicht vor und zurück. Mein Nacken war sehr starr und die Therapeutin half mir ihn loszulassen, den Bewegungen des Körpers zu vertrauen. Es kam ein Schluchzen und ich sackte zusammen, von meinem Mann aufgefangen. Er hielt mich ganz fest, wir lagen dann auf einer Matte, ich wurde in eine Decke gekuschelt und gehalten, das war wunderbar. Das war es, was ich immer wollte: von allen Menschen. Meiner Mutter, meinem Vater, meinem älteren Bruder, meinen ehemaligen Partnern; sogar von meiner Freundin und von meiner Ausbilderin! Es war immer hinter all dem Getue verborgen: halte mich, liebe mich! Verletzte mich nicht, wenn ich klein bin. Bloß, dass ich selbst diese Liebe immer verhinderte, das war mir nicht klar. Es wurde mir währenddessen und später noch vieles klar. Diese große Unsicherheit, nicht gut genug zu sein, wann es begonnen hatte und wie mein bisheriger Umgang damit war. Ich hatte die Überzeugung aufgebaut, dass es nicht zu bekommen ist, was ich brauche. Und gleichzeitig war da eine ewige Sehnsucht, ein totaler Hunger. Das war immer wie ein dauerndes vor und zurück. Jetzt kann ich das spüren, was ich wirklich will. Das heißt nicht, ich bekomme es immer und überall. Aber eben manchmal. Und da es etwas ganz Kostbares ist, ist manchmal auch ok.  Am Wichtigsten ist für mich dieses Erkennen, was das eigentlich ist: das bin ich, das wird hier gesucht und alle Ausreden, Ersatzhandlungen fallen weg oder werden als das gesehen, was sie wirklich sind. Ich bin nicht mehr in dieser Verwirrung und Entfremdung. Ich empfinde mich selbst ganz tief. Diese Liebe, dieses Streben nach Liebe, das bin ich, das ist das Beste an mir und das Beste zwischen anderen und mir. Das ist da, wo vorher etwas Falsches war. Das allein erfüllt mich schon und macht sehr zufrieden. Unsere Beziehung hat das Erleben sehr vertieft. Es gibt mehr Innigkeit und Vertrauen. Er sagt, er empfindet Befriedigung im Erleben seiner Stärke: dass er mich halten kann. Dass ich ihn brauche und begehre. Und ich empfinde Befriedigung, weil ich den Mut aufgebracht habe, das zu wagen.

Ähnliche Prozesse finden auch statt zwischen Zielen und den ZielgeberInnen, zwischen ehemaligen oder sich in Trennung befindlichen Partnern. Diese sind dann vielleicht nüchterner, aber ebenso wirksam wie notwendig.

Was die UH also in meinen Augen so essentiell macht ist simpel: Sie scheint allen menschlichen Intentionen ursächlich immanent zu sein. Dies lässt sich erkennen, wenn Personen zerrissen sind zwischen einem Ziel (ich möchte abnehmen, eine Beziehung, Erfolg, gesund werden, nicht mehr mit meinem Vater streiten usw.) und dem fortwährenden Nichterreichen dieses Ziels, was in aller Regel darauf hinweist, dass ein Selbstboykott stattfindet. Überwunden oder losgelassen werden kann das Ziel aber auch nicht. Wenn ein Ziel offensichtlich nicht zu erreichen ist, dies aber gleichzeitig nicht akzeptiert wird und man sich somit in einem andauernden Zustand von Konflikt und Frustration befindet, untersuche ich dies auf einen inneren Boykott: „zwei Seelen, ach, in meiner Brust“, die eine will nach vorn, die andere zurück. Häufig sind die genannten Ziele nicht erreichbar, weil sie vorgeschoben sind. Das Genannte ist nicht das, worum es eigentlich geht. Eine Frau definiert ihr Ziel beispielsweise als: „ich möchte schlanker sein (… doch halte keine Diät durch und habe immer wieder Fressattacken.“). Was auf tieferer Ebene darin versteckt liegt und sich nach näherer Betrachtung auch zeigt, ist ein viel existentielleres Bedürfnis, welches ich als „primär“ bezeichne: „ich möchte geliebt werden.“ Dazu gesellt sich aber eine Überzeugung die besagt, „um geliebt zu werden, muss ich schlank sein.“ Wenn wir auf dieser Ebene „äußerlicher Attraktivität als Bedingung für Liebe“ arbeiten würden, wäre das an der Oberfläche. Hier ist die Unterscheidung Hellingers zwischen Primär- und Sekundärgefühlen nützlich.

Wenn wir dies weiter verfolgen, können wir erkennen, dass es immer um große Themen wie Liebe, Freiheit; Frieden u.ä. geht, die sich gerne im „falschen Gewande“ präsentieren, bzw. von uns verkannt werden. Anders noch als bei den bekannten Abwehrmechanismen ist die Deutung hier, dass es sich bei dem heilenden Primärgefühl immer um Liebe handelt. Aussöhnung ist ein anderes Wort für Liebe, Abgrenzungswut (primäre Wut im Unterschied zu sekundärer) ist ein Ausdruck von Selbstliebe, Friede beinhaltet Liebe, Weisheit ist ein Attribut von Liebe, Freiheit ist ein Ausdruck von Liebe. Man kann es hier also so sehen, dass es sich einzig und allein um eine Qualität handelt, die zwar verschieden benannt wird, aber letztlich dasselbe beinhaltet: Liebe, Friede, Weisheit, Freiheit …  sind Dasselbe! Das auf einen Nenner gebracht heißt in der Therapie: ich möchte mit mir und meiner Umgebung in Einklang leben. Die Umgebung kann sein: die Eltern, die Gegenwartsfamilie, das Arbeitsumfeld, meine individuelle Prägung und Geschichte; mein Glaube, meine ethischen Vorstellungen; Schmerzen, die ich erfahre; Entbehrungen, meine Aufgabe …

Alle Menschen suchen den Einklang mit Etwas! Oft ist dieses Etwas schwierig, es hängen Schmerz und Verletzung daran, doch man muss sich damit aussöhnen, um in Frieden leben, um sich weiter entwickeln zu können. Dieser Drang der Hinbewegung ist universell, überall und immer aktiv, er lässt uns suchen, vom ersten Atemzug bis zum letzen. Seine Verkleidungen sind unendlich einfallsreich und doch ist es letztlich immer Dasselbe.                                                                                      Ich nehme also an, dass sich in vorgebrachten Sekundärthemen, -zielen und -gefühlen ein und dieselben primären Bedürfnisse verbergen. Auf dieser Ebene sind alle Menschen gleich. Wenn wir noch einen Schritt weiter und tiefer gehen, entdecken wir darin noch reinere Impulse: aus den Bedürfnissen etwas zu bekommen (liebe mich, anerkenne mich, behandle mich gut) werden welche des „Gebens und Seins“: lieben wollen, sich aussöhnen, Frieden finden, andere gut behandeln, nützlich sein. Die Qualität ändert sich vom Haben zum Sein. Mir erscheint es nicht nur erhebend, sondern auch sehr praktisch, langwieriges Arbeiten abzukürzen, um direkt aufs Wesentliche zuzugehen. Denn ist dieser Fluss renaturiert und kann ungehindert fließen, heißt das, die richtigen Ziele werden genannt und visualisiert. Dann sind Zielvorstellungen realistisch, konkret und kraftvoll, und Sekundäres kann losgelassen werden. Bis zu der Erkenntnis, dass jeder fixierte Wunsch eine Illusion ist. Das reine Begehren wird sofort beantwortet. Es gibt kein Wünschen, kein Denken, wenn wir dem richtigen Partner gegenüber stehen, wenn wir Hunger haben. Doch alles über das Existentielle hinaus, ist ein narzisstisches Bedürfnis aus Mangel heraus. Ihm zu folgen bringt keine Erfüllung. Diese Art des „sekundären Begehrens“ entsteht aus der Angst. Angst ist ein permanenter Inhalt der begrenzten Persönlichkeit, die im Außen etwas sucht, um vollständig zu werden. Aber der Mensch ist bereits vollständig und die Persönlichkeit eine Konstruktion. Der Mensch hat nicht zu wenig, sondern zuviel. Wenn dieses süchtige Suchen ausklingt, werden Zielvorstellungen zum nahe liegenden: zeitnah, leicht zu erreichen, weil im Einklang. Oder wie Byron Katie sinngemäß auf die Frage antwortete, ob sie sich denn gar nichts mehr wünschen würde: doch, ich wünsche mir pausenlos etwas, und es ist immer genau das, was gerade passiert. Hier verschmelzen also Ich und Welt wieder zu einer Einheit. Der separierte Eigenwille, der sich ständig im Streit mit der Wirklichkeit befindet, wird als Illusion erkannt und fällt ab.

„Etwas zu begehren oder zu wünschen, was nicht hier ist, bedeutet Leiden. Unser ganzes Leben jagen wir Träumen hinterher und erreichen nur dann ein Ende unseres Suchens, wenn wir zum Frieden und zur Stille kommen. So ist mein Leben jetzt; ein Leben in Frieden, ohne Wünsche, ohne Träume und Sehnsüchte, auch ohne spirituelle Ambitionen. Sie sind alle verschwunden. Was geblieben ist, ist einfach nur Hiersein. Danach habe ich mich gesehnt. Danach sehnt sich jeder von uns. Das ist die Erfüllung.“ (Samarpan)

Man kann in der Aufstellungsarbeit unbenannte oder benannte  Ziele aufstellen, um diesen Vorgang zu erhellen. Dabei kann Vollständigkeit erfahren werden in dem, was ist. Das Illusionäre an falscher Suche und falschen Wünschen wird offensichtlich. Es gibt nur eine wirklich Sehnsucht: die anzukommen. Wo? In der Liebe. Zu allem. Bei dieser Art Aufstellung gehen wir bewusst einen Umweg. Wir holen uns da ab wo wir sind. Wir nehmen die verschiedensten Intentionen, verfolgen sie in die Tiefe zu ihren primären Wurzeln und erfahren dabei ein Loslassen. Der Weg ist ein Paradox: indem das Ziel benannt, aufgesucht und tief erfahren wird, löst es sich auf, wenn es sekundär ist. Ist es primär, setzt es umgehend ein. Nicht das Ziel ist bedeutungsvoll, sondern das Ankommen.

Systemaufstellung und Aussöhnungstherapie: eine gelungene Synthese. /Artikel aus “Praxis der Systemaufstellung”, 01-02-2001

Der Hellinger-Ansatz fließt nun seit bald 20 Jahren in meine Arbeit ein. Anfänglich „nur“ mental und in der Einzelarbeit, bis dann die Gruppen folgten. Teilweise stand ich den jeweils aktuellen Theorien und Vorgehensweisen auch kritisch  gegenüber; hauptsächlich wegen der Erfahrungen von Irrtümern, Grenzen und Kontraindiziertheit am eigenen Leib. Trotz intensiver Selbsterfahrung und zum Teil hervorragender persönlicher Begleitung und Beratung durch Bert Hellinger selbst, sowie anderen erfahrenen AufstellerInnen, kam ich mit dem Aufstellen und der systemischen Therapie allein nicht dahin, wo ich heute stehe; weder mit mir selbst, noch mit meiner Arbeit. Andere Ansätze waren und sind für mich unverzichtbar. Unter den vielen verschiedenen Methoden, die ich als hilfreich und ergänzend erlebt habe, nimmt die Aussöhnungstherapie von Jirina Prekop einen bedeutenden Platz ein. Meine eigene schwere Geschichte als Pflegekind und die Tatsache, dass ich ebensolche Klienten anziehe, macht es erforderlich, dass ich mich gründlich mit den Möglichkeiten und Grenzen von Methoden befasse: überschwängliche Begeisterung für eine gerade populäre Erfolgsmethode hält dem nicht stand, was schwere Schicksale an therapeutischer Vielseitigkeit erfordern. Und manchmal hatte eine gut verlaufende Aufstellung nicht die Änderung und Wirkung erbracht: Personen fielen in ihr destruktives Muster zurück, konnten Lösungen nicht umsetzen oder wurden aufgrund von Falschinformationen sogar auf Irrwege gebracht. In diesem Zusammenhang sind mangelndes emotionales Aufarbeiten verbunden mit fehlender Gründlichkeit Kritikpunkte an einseitiger Aufstellungs-Arbeit. Ein wichtiger Bestandteil wurde deshalb für mich wieder die vorübergehend vernachlässigte, emotionale Arbeit. Im Setting der reinen, klassischen Aufstellung ist es häufig nicht möglich, die starken oder diffizilen Emotionen zuzulassen, da solche Prozesse zu zeitaufwendig sind. So passiert es, dass eine Verneigung oder Versöhnung äußerlich, aber ohne innere Beteiligung vollzogen wird und somit wenig Wirksamkeit entfalten kann. Es empfiehlt sich in solchen Fällen z.B. eine Arbeit auf Matten, die sich sehr gut in eine Aufstellungsgruppe und sogar auch, in abgewandelter Form, in die Aufstellung selbst integrieren lässt. Beispielsweise liegt eine Klientin lange im Arm der Mutter, die Großmutter sitzt dahinter und vielleicht noch eine Stellvertreterin hinter all den Frauen, als „Urmutter“ – während die restlichen Teilnehmer der Aufstellung aus ihren Rollen gehen und diese sich auflöst. Oder ein Phase der Wiederannäherung, mit ihrem ganzen Hin und Her, wird kann so durchlebt werden.

Eine andere Möglichkeit ist es, die komplette Aussöhnungstherapie in das Aufstellungsseminar zu integrieren. Dabei finden im ersten Teil des Seminars die systemischen Analysen oder Aufstellungen statt, dann, nachdem die Teilnehmer heraus gefunden haben, zu welchen Personen die Bindungen gestört sind, findet die „Mattenarbeit“ statt. Der Unterschied zu bekannten Verfahren wie bspw. Bonding oder Primärtherapie ist, dass bei der Aussöhnungstherapie nach Prekop die Bedingung des „guten Ausgangs“ und die gegenseitige Achtung, vor allem des Kindes gegenüber seinen Eltern, postuliert wird und destruktiv-emotionale Prozesse nicht als Lösung akzeptiert werden, sondern als Durchgangsstadien.

Die klassische Aussöhnungstherapie nach Prekop ist ein Drei-Schritte-Modell:

1.Schritt  (emotionaler Ausdruck, Reinigung)

Die Klientin liegt auf dem Rücken und wird von einer Helferin, die auf ihr liegt, eng umarmt, wobei sie selbst in einer passiven Position bleibt. Die Position soll der systemischen Ordnung entsprechen: die Klientin ist klein, die Haltende groß. Mit diesem Kleinsein beginnt die geführte, imaginäre Reise in die Kindheit. Vergleichbar mit dem Festhalten oder Bonding hat die Klientin während der gesamten Zeit die Augen geschlossen, da es um möglichst reale Visualisierung der abwesenden Person geht, meist ein Elternteil oder der Partner. Die Haltende vertritt nicht diese Person, sondern ihre Aufgabe ist es, Halt zu geben, also mitfühlend den gesamten Prozess durchzuhalten. Die Therapeutin führt nun die Klientin zu der Person und Situation, wo der größte Schmerz gespürt wird. Sie unterstützt die Körperwahrnehmung und den Ausdruck, so dass Schmerz, Zorn und Vorwurf ausgedrückt werden und abfließen können. Dabei sollte unterschieden werden zwischen dem Notwendigen und dem Zuviel. Die Therapeutin leitet und behält den „guten Ausgang“ im Blick, d.h. Beschimpfungen oder gar Vergeltungsfantasien sollten vermieden werden. Trotzdem kann der Ausdruck von Wut (Abgrenzungsaggression) sehr wichtig sein und darf dann nicht übergangen werden.

2.Schritt (Mitfühlen, Verständnis entwickeln)

Wenn die Wut ausgeschrieen und der Schmerz abgeflossen ist, folgt eine Imagination, in  der die Klientin sich den Elternteil in seinem/ihrem kindlichen Schmerz vorstellt und diesen mitfühlt. (Prekop und Hellinger betonen hierbei natürlich die Wichtigkeit, dass die Rangordnung in der 3.Phase wieder hergestellt wird. Der Gefahr einer Selbsterhöhung/Parentifizierung kann hier im Voraus begegnet werden, indem man hinter die Klientin noch die Großeltern visualisieren lässt.)

3.Schritt  (Aussöhnung)

In dieser Phase wird der Elternteil wieder groß, so wie es der Ordnung des Systems entspricht. Die Klientin wird nun angeleitet, sich den Vater oder die Mutter in der Gegenwart vorzustellen und aufzusuchen, sich zu seinen/ihren Füßen zu setzen. Während dieser Sequenz kann die Therapeutin mit den bekannten Sätzen arbeiten.

Obwohl Jirina Prekop auf die Einhaltung dieser Struktur Wert legt, zeigen sich bereits in der momentanen Entwicklungsphase, dass Modifizierungen möglich und notwendig sind. Dabei lösen sich z.T. die einzelnen Sequenzen aus dem Gesamtvorgang, werden bei Bedarf zeitlich vertauscht, verlängert etc.

Ich persönlich bevorzuge für Gruppen eine Vier-Schritte-Struktur, bei dem der erste Schritt eine systemische Analyse u./o. Aufstellung beinhaltet und die Aussöhnungstherapie anschließend erfolgt. Es ist aber auch möglich, die verschiedenen Schritte auf mehrere Einzelsitzungen zu verteilen. Eine Klientin, die von einer Therapeutin eine zeitlang begleitet wird, kann bei großem Widerstand gegen Verneigung und Versöhnung durchaus eine gewisse (in Absprache begrenzte) Zeit in der Verweigerung und Negativität belassen werden. In diesem Fall kann die Therapeutin die Zustimmung, das Nehmen und die Aussöhnung fiktiv als Langzeitziel in den Raum stellen, ohne aber einen Druck auszuüben (der wiederum Gegendruck erzeugt). Dies setzt natürlich ein Vertrauen voraus, dass es die Seele zur Liebe und Lösung zieht, und weder Eile noch Zwang nötig sind.

Beispiel: In einer Gruppentherapie fand bei einem Teilnehmer hauptsächlich die kathartische Phase statt, wie sich nachträglich heraus stellte. Dieser Klient hatte es in mehreren Aufstellungen nicht geschafft, sich anhaltend mit seinem Vater auszusöhnen. Der Teilnehmer äußerte während der Mattenarbeit lang zurück gehaltene Hassgefühle und Vorwürfe, die zu Trauer und Schmerz führten, und empfand dies als sehr befreiend. (Seine Gewohnheit, Gefühle zurück zu halten und zu rationalisieren wurde insofern durch die vorangegangenen Aufstellungsarbeiten negativ genährt, da diese seine Ängste mobilisierten, etwas falsch zu machen, den Ansprüchen nicht zu genügen und schuldig zu sein. Der Klient empfand zum Teil in Aufstellungsgruppen einen moralischen Druck, der es ihm unmöglich machte, zu seinen Gefühlen zu stehen.). Diese 1.Phase der Aussöhnungstherapie nahm nun soviel Zeit in Anspruch, dass alle Beteiligten danach erschöpft waren und die folgenden Sequenzen nur andeutungsweise durchschritten wurden. Es ergab sich unter den Therapeuten eine Diskussion, in wieweit dies nun gefährlich sei. Die Leiterin entschied aufgrund des Zustandes des Klienten, es vorerst dabei zu belassen, denn es ging ihm sichtlich gut, in seinem aggressiven Trotz und seiner Abwehr. Er wurde allerdings explizit darauf hingewiesen, dass man seinen Zustand nicht als Lösung, sondern als wohltuendes Durchgangsstadium einschätzte.

Der Klient kam ein halbes Jahr später wieder zu einem Seminar. Erklärte nun, wie er sich eine zeitlang sehr wohl gefühlt hätte mit seiner bewussten Abwehr und Aggression, es sei statt Depression Kraft da gewesen, dann sei es aber „fad“ geworden und spürbar, dass ihm auf tieferer Ebene etwas fehlte. Er konnte klar sehen, wie die Aggression ihm zwar gut tat, ihn teilweise stärkte, aber dann eine Leere und Unverbundenheit nach sich zog, wo ihm der Vater und die Liebe fehlten. Es war für ihn keine Mattenarbeit mehr nötig. Es ergab sich in der ersten Runde, dass er verbal, begleitet von starken Emotionen, noch einmal ausdrückte, wie sehr er unter dem Vater gelitten hätte und wie unversöhnlich er sich fühle, denn der behandle ihn noch heute so – andererseits suche er nach Friede und Versöhnung … er war verzweifelt!

Die Gruppe verlief wie gewohnt, es folgten Aufstellungen und anschließend die Mattenarbeit. Der Klient nahm als Beobachter an einem Prozess teil, bei dem ein anderer Teilnehmer die zweite Phase intensiv durchlebte und dabei vom Mitgefühl für den Vater förmlich überwältigt wurde. Dieser Eindruck wurde zum Schlüsselerlebnis. Der Klient sah ein, wie wichtig das Verstehen und Mitfühlen des Schicksals seines Vaters für ihn ist und wurde spontan, in einem weiteren Gespräch mit der Leiterin, völlig davon erfasst. Die Türen öffneten sich: er hatte seinem Vater das Verständnis verweigert, weil dieser es so sehr von ihm forderte (Parentifizierung). Doch nun sah er, dass diese Verweigerung in eine Sackgasse führte. Plötzlich sah er den bedrohlichen, fordernden und egozentrischen Vater als  kleinen, verlassenen und  überforderten Jungen – ganz wie sich selbst.

Dieses Mitfühlen, dieser Schmerz scheint ähnlich überwältigend und fast unerträglich zu sein, wie die eigenen Kinder leiden sehen zu müssen. Es löst jeglichen Vorwurf und Zorn auf. So wurde  bei diesem Klienten der 2. Schritt der Aussöhnungstherapie allein durch empathisches Erleben und Gespräche ausgelöst und vollzogen. Für Den 3. Schritt benötigte er keine Hilfe mehr, sondern konnte ihn allein, zuerst innerlich, dann real vollziehen, wie eine Nachbesprechung ergab: in einem Traum sah er sich bei seinem Vater im Arm, der ihn über den Kopf strich und ihn segnete. Er wachte weinend auf mit dem Satz: „Ich bin doch dein Sohn“.

Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. Es veranschaulicht die notwendige Abweichung von vorgegebenen, starren Strukturen und zeigt, wie positiv sich die Verfahren ergänzen: das Gespräch wird zur Aufstellung, zur Einsicht. Die Aufstellung wird zur Prozessarbeit, ausgedrückter Zorn ebnet den Weg zur Versöhnung und die Sätze fallen Klienten selbst ein…

Ich kann nur bestätigen, was Jirina Prekop selbst einmal als ihren Eindruck formulierte: wie die beiden Methoden, das Festhalten und das Familien-Stellen sich vermählen. Und ich meine darüber hinaus, dieses Beispiel ist übertragbar und sollte einladen zur achtsamen Integration all dessen, was nützlich ist.

Raum überschreiten …

„Oh!“ – Wahrnehmungsübung

Richte deine Aufmerksamkeit nach innen* … spüre deinen Atem … während die Geräusche um dich her mehr und mehr in den Hintergrund treten … lass Gedanken und Gefühle, die dich vielleicht beschäftigen, für diese kurze Zeit zurück treten … atme tief und ruhig … schließe für einen Moment die Augen … und ehe du die Augen wieder öffnest, nimm dir vor, alles was dein Auge gleich erblickt, sofort zu benennen, z.B.: Stuhl, Baum, Mann, Frau, Straße … wenn du auf diese Weise alles gesehen und benannt hast, schließe die Augen wieder und wiederhole die einleitende Entspannung.

Ehe du ein zweites Mal die Augen öffnest, denke, wie du vor alles, was du erblickst und benennst ein „zu“ setzt, also z.B.: zu hoch, zu weit, zu hübsch, zu hässlich, zu eckig, zu hell, zu lang, zu bunt … usw. Schließe danach die Augen wieder.

Spüre den Unterschied zur vorherigen Sequenz … und bereite dich, wie vorher, auf die nächste vor … schließe die Augen … sammle dich … atme… und nimm dir vor, bei allem, was du gleich erblicken wirst, ein „Oh!“ zu denken … als würdest du es staunend, das erste Mal auf diese Weise sehen … völlig neu und anders … spüre den Unterschied zu dem vorherigen Schauen.

* Die folgenden Auslassungspunkte stehen für eine deutliche Sprech-und Denkpause.

Advaita – du bist bereits vollständig

Advaita bedeutet Nicht-Zweiheit, Nondualität – Einheit. Und ist eine praktische Philosophie zur Überwindung von Separation, den Gefühlen der Isolation und des Abgetrenntseins, unter denen Viele von uns leiden. Streng genommen gibt es dabei keine Übung außer die der Selbsterforschung, des Ausweitens von Bewusstheit. Wer bin ich? Was ist Wahrheit? Was bin ich? Wo bin ich im Tiefschlaf? Was ist Bewusstsein? … sind die typischen Fragen mit denen sich ein Suchender auf diesem Weg befasst. Hierzu braucht es keine speziellen Zeiten, kein Sitzen in Meditationshaltung – Selbstbefragung kann immer statt finden: beim Kochen, in der U-Bahn, bei der Arbeit, bei großer Aufregung … wer bin ich, die diese Gefühle und Wahrnehmungen hat? Wer hat diese Situation geschaffen? Wer hat etwas entschieden und getan? Ramesh Balsekar empfiehlt genau genommen eine einzige Übung: für etwa 20 Minuten den vergangenen Tag und die Geschehnisse vorüber ziehen lassen und erforschen, welche Ereignisse tatsächlich von mir – dem Ich – ausgelöst wurden, und von welchen man eigentlich völlig überrascht wurde. Man wird feststellen, dass nahezu alles unvorhergesehen geschieht, reines automatisches Reagieren ist, und ein solches Ich, dass eine alleinige, unabhängige Macht hat zu entscheiden und zu gestalten, gar nicht existiert. Es gibt lediglich Reaktionsmuster, die automatisch ablaufen, viel schneller, als wir denken und planen können. Und immer sind wir vernetzt, abhängig von einem Umfeld, einem Geschehen „da draußen“, das uns meistens sehr wenig Spielraum lässt.

Dass wir dieses „da draußen“, diese Welt, im gleichen Maße sind, wie dieses „hier drin“ (in meinem Körper, meinem Denken und Fühlen)  ist eine der spirituellen Erfahrungen, von denen Erwachte auffallend identisch berichten: keine Trennung mehr. Ich bin! Da draußen wie hier drinnen. Keine Anderen, nichts Fremdes oder Feindliches. Nichts was geschieht ist von mir abgeschnitten, alles ist miteinander verwebt. „Du bist die Welt“. Es gibt nichts mehr abzulehnen, nichts mehr anzustreben. Man kann etwas verändern und tun, muss aber nicht. Leben geschieht in einer heiteren Gelassenheit. Das Ich-Gefühl birgt Stabilität und Trennung. Es kann erst transparenter werden, wenn es als stabil genug erfahren wird. Solches Üben ist für reife Erwachsene geeignet, nicht für verstörte innere Kinder (Ken Wilber: prä- und transpersonal). Es ist Differenziertheit nötig. Nicht selten wird die universelle Liebe gesucht, wo eigentlich die leiblichen Eltern gemeint sind. Erst ist die Versöhnung mit den realen Menschen in der Welt fällig, oft ist ein emotionales Nachnähren angezeigt, Klärung und Aussöhnung. Nur darauf aufbauend kann die Hinwendung zu einem größeren Ganzen gelingen. Bist du zufrieden und erfüllt in deinen Beziehungen zu deinen Mitmenschen – dann wende dich dem Göttlichen zu (falls es sich dann nicht schon dir zuwendet). Bist du enttäuscht, verbittert, sehnsüchtig, kläre erst deine Beziehungen. Vollständig bist du bereits – so oder so.

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